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Modellbahn

Geschichten von der Spielwarenmesse

Die internationale Spielwarenmesse in Nürnberg, die alljährlich im Februar stattfindet, dürfte eine bedeutende Kommunikations–Schnittstelle sein - wahrscheinlich war sie es seit 1950 schon. Als der Verfasser da noch als Aussteller und Redakteur unterwegs war, war es nicht anders. Da traf und trifft sich alles, was in der Modellbahn–Szene Rang und Namen hatte.

Der renommierte Journalist Hagen von Ortloff hat für die populäre Fernsehsendung „Eisenbahnromantik” die Neuheiten der Messe 2013 gut zusammengefasst. Sehen Sie sich das Video auf Fremde Seite YouTube an.

Dieser Mann gehört auch schon seit langer, langer Zeit zum Modellbahn–Urgestein. Viele Gesichter auf der Messe haben sich geändert, der Geist bleibt jedoch erhalten - und zum Glück auch einiges „Urgestein”.

Hier folgen einige Insider–Geschichten aus den Jahren 1984 bis 1990.

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Das Fotomobil, enge Gänge und die Hitze

Nicht wahr, sie haben eine Digitalkamera, die prima Bilder macht? Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts gab es solche Geräte noch nicht in geeigneter (und bezahlbarer) Ausführung. Fotos für den Druck wurden daher mit Analogfilm aufgenommen, in der Regel Diapositive.

Diese Filme hatten und haben jedoch den Nachteil, dass sie zunächst (meist in einem Labor) entwickelt werden müssen. Heute werden die meisten darüber lachen, 5.500 Belichtungen von Modellen in allen Größen und in 5,5 Tagen (bei 36 Bildern je Kleinbildfilm) sind jedoch kein Spaß.

Warum diese Eile? Ganz einfach. Die Spielwarenmesse „läuft” nur sechs Tage, und das Blatt, das die Neuheiten zuerst im Fachgeschäft oder Bahnhofsbuchhandlungen präsentiert, macht zuerst das Rennen beim Abverkauf. Und das sollte natürlich das noch neue Fachblatt „Bahn & Modell” unter der redaktionellen Leitung von Michael Meinhold sein.

Messefotografie ist ein harter Job, vor allem, wenn Eile geboten ist. Daher baute der Verfasser das „Fotomobil”, ein fahrbares, mobiles Fotostudio. Im Unterteil des 40 cm breiten Wagens ließen sich reichlich Zubehörteile unterbringen, oben gab es ein aufklappbares „Table Top” mit einer Stütze für verschiedene Fotohintergründe und Stativen für Lampen. Der Aufbau am Stand der Aussteller war meist in drei Minuten erledigt. Das erste Foto der Seite zeigt ein Beispielbild.

Nach Messeschluss, teils auch vorher, wanderten die belichteten Filme zur Entwicklung in's Labor und von dort flugs in die Redaktion, wo sich andere Team–Mitglieder wie beispielsweise Stefan Carstens um Text und Layout kümmerten. Zu den Kollegen gehörte auch ein „Novize”, Thomas Hilge. Der damalige Neueinsteiger ist heute Chefredakteur der Miba und inhaltlich verantwortlich für die Produkte der „Verlagsgruppe Bahn”.

Enge Gänge? Klar, darum war am Schiebegriff des Wagens eine Ballonhupe angebracht. Denn ja, die Gänge in den Hallen der Spielwarenmesse sind eng und nur allzu oft von diskutierenden Teilnehmern verstopft. Diese haben in der Regel wenig Verständnis für Eile, daher war ein beherzter Griff an den Gummiball oft eine „erschreckend” schnelle Lösung.

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Das Ampèremeter - oder: erwischt!

Die Messeleitung sicherte den Ausstellern mindestens 16 A Strom je Stand zu. Da war es doch auffallend, wie oft die Sicherungen 'rausflogen, wenn wir (brav nacheinander) unsere Lampen einschalteten. Das macht rechnerisch nur 7,2 Ampère (zusätzlich, wohlbemerkt). Allerdings brauchten die wenigsten Stände mehr als 1,5 kW für Licht an einer Steckdose (was wir natürlich vorab prüften).

So ein Fall war stets mit Ärger verbunden. Der Stand lag im Dunkeln, ein Elektriker musste anrücken, und bald entstand eine gewisse Abneigung zwischen den Fotografen, Standbetreibern und Technikern. Letztere beteuerten stets, es gäbe genug Strom und wir seien schuld. Das Ganze war umso ärgerlicher, als die Sicherungen unter Klappen im Boden lagen und oft größere Umbauten nötig waren, um da dran zu kommen.

Im Folgejahr waren wir schlauer. Wir hatten uns ein Gerät bauen lassen, das in die Stromzufuhr zum Fotomobil eingeschliffen wurde, und das den höchsten entnommenen Strom (auch bei kurzen Spitzen) anzeigen konnte. Selbstverständlich gab es auch einen Softanlauf, mit dem der Strom schön langsam hochgefahren wurde.

Ha! - damit hatten wir die Messe am Wickel und die Standbetreiber auf unserer Seite. Tatsächlich flogen die Sicherungen, wenn überhaupt, oft schon bei 10 A Gesamtstrom 'raus.

 

Frost und Hunger

Früher fand die Spielwarenmesse stets Mitte Februar statt. Wir durften getrost annehmen, dass es am Anreise– und Aufbautag passables, wenn nicht gar frühlingshaftes Wetter sein würde. Ebenso sicher war es jedoch, dass spätestens am ersten offiziellen Messetag Frost und Glatteis zu erwarten waren. Na prima!

Sobald die „heiligen Hallen” die Tore schließen, strömen die Besucher in die Stadt. Okay, sollen sie doch! Wenn jedoch die Mitarbeiter von rund 2.500 Ausstellern das später auch wollten, war das Verkehrschaos meist schon perfekt und 20 Minuten für die kurze Strecke waren eher die Regel als die Ausnahme (im Stau).

Für Aussteller und Redakteure bleibt während der Öffnungszeiten meist keine Zeit, etwas zu essen. Der Magen grummelt und verlangt nach einer herzhaften Stärkung. Derlei ist an sich in Franken leicht zu haben, in diesem Fall abends in Nürnberg jedoch nur für die, die sich vorher ein Plätzchen reserviert haben, weil ansonsten alles proppenvoll ist.

Also ab zum reservierten Tisch in der „Freßluke” in der Färberstraße - meist in einem illustren Zirkel. Dieses großartige Unternehmen (Metzgerei und ein kleines Speiselokal darüber) gibt's anscheinend nicht mehr.

Je länger die Messe dauert, desto mehr steigt der Appetit. Am ersten Tag genügen noch sechs bis neun Nürnberger Rostbratwürstchen mit Sauerkraut. Am zweiten müssen es schon zwölf oder ein „Schäufele”, das Schulterstück vom Schwein, mit einem rohen Kloß sein. Aus der eigenen Metzgerei schmeckte das natürlich besonders gut!

Das kann sich leicht noch steigern. Unglaublich, aber wahr: 800 Gramm Fleisch und zwei riesige Klöße gingen damals gegen Ende der Messe je Person weg (wenn auch nicht ganz so flott).

 

Dumm gelaufen!

„Unsere” abendliche Runde war meist mit hochkarätigen Modellbahnern besetzt, beispielsweise Willy Kosak, Gebhard Reitz, Wolfgang Besenhart oder Jochen Kramer. Gelegentlich gab es auch Gäste, so beispielsweise Herrn Singer vom Singer–Team in Kreuzlingen mit seinen Söhnen (das Unternehmen gibt es leider auch nicht mehr).

Die kriegen wir 'ran.”, dachten wir uns gegen Ende einer Messe als die Schelme, die wir nun 'mal waren. „Wir empfehlen den Gästen die Standardportion, das packen die nie.”.

Ungerührt nahmen der schon ältere Herr Singer und seine Söhne den beachtlichen Teller in Empfang. Ungeachtet unserer eigenen Bemühungen um die 800 Gramm Schäufele aß er munter, zierlich und klein, wie er war, und gab dabei eine Anekdote nach der anderen zum Besten. Wir kämpften noch schweigend mit unseren Speisen, als er und seine Söhne die Teller sauber aufgegessen wegschoben und nach Nachtisch fragten.

Diese Abende waren eine gute Gelegenheit, um Pläne zu schmieden. Einmal kam die Idee auf, wir sollten als Team eine Lokomotive im Maßstab 1:10 wie die Modelle im damaligen Verkehrsmuseum bauen und als Luxusartikel an die Saudi–Araber verkaufen. Wir könnten uns daran alle dumm und doof verdienen. Diese Idee wurde - wie zu erwarten - nie umgesetzt.

 

Menscheleien zur Messe

Der Verfasser trug zu seinen Ausstellerzeiten noch einen mächtig langen Pferdeschwanz. Hermann Teichmann, ein Spezialist für Lokfahrwerke und Präzisions–Drehmaschine von Boley & Leinen, war hingegen besonders stolz auf seine Scherenschleifkunst („Damit schneide ich auch noch eine nasse Bild–Zeitung.”). Zum Glück entging der Autor allen seinen (nicht ganz ernst gemeinten) Versuchen, den Pferdeschwanz abzuschneiden.

Gut italienisch zu sprechen, kann leicht zum „Verhängnis” werden. Nach einem soeben beendeten Kundengespräch auf die Schulter getippt, wendete ich mich um und stand vor einem Berichterstatter - und hinter ihm ein Kameramann der RAI (des öffentlich–rechtlichen italienischen Fernsehens). Ohne lange Umschweife oder Vorbereitung begann flugs ein Interview, in dem ich die relevantesten Neuheiten kommentieren sollte.

Auch in späteren Zeiten gab es noch derlei Überraschungen. Eines Tages kündigte Michael Meinhold lapidar an: „Du wirst übrigens morgen die Ferpress–Tagung moderieren.”. Autsch! Ferpress ist der Verband der Modellbahn–Journalisten und das Treffen zur Messe der Termin im Jahr.

Bei dem Treffen selbst vor den Leuten, die damals in der Szene Rang und Namen hatten, wäre ich am Rednerpult wahrscheinlich elend „verhungert”, wenn nicht der damalige Manager von Märklin helfend eingesprungen wäre. Mit einer ebenso knappen wie großartigen Rede rettete Ernst U. Menken die Situation. Kurz später musste er erfahren, dass seine innovativen Ideen beim konservativen Vorstand auf wenig Gegenliebe stießen. Später folgte Märklin jedoch wieder seinen Ideen - seltsam …

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